Sexualdelikte und Morde – das ist für Carsten Schütte grausame Normalität. Es vergeht kein Arbeitsalltag, an dem er sich nicht in Fällen von Vergewaltigungen, Morden und Obduktionen vertieft. Zum Einsatz kommt er mit seinem Team aber erst, wenn es kompliziert oder bizarr wird: Taten ohne Täter, Leichenzerteilung oder Hinweise auf Kannibalismus. Wir kriegen schon beim Zuhören Gänsehaut. Uns verrät der Fallanalytiker vom Landeskriminalamt (LKA), wie er mit diesen Extremsituationen umgeht und welch heilende Wirkung Hochzeiten für ihn haben …

„Wenn ich auf einer Feier erzähle, dass ich in der Operativen Fallanalyse (OFA) arbeite, dann fragen die meisten gar nicht weiter nach“, schmunzelt der 59-jährige. „Sie stellen sich einen typischen Beamten am Schreibtisch vor.“ Doch es ist alles andere als das. In amerikanischen Serien wird Carstens Job häufig als Profiler bezeichnet. Neben der Erstellung eines Täterprofils geht es aber auch um die Analyse des Tatablaufs und der charakteristischen Elemente. „Eine Ermittlung ist wie ein großes Puzzle: In 95% der Fälle braucht die Mordkommission unsere Hilfe nicht“, sagt Carsten. „Erst wenn die Beweislage kompliziert ist, kann unsere Herangehensweise helfen, ein fehlendes Puzzleteil zu finden – und das nicht selten.“

Dafür arbeitet das Team mit BKA-Methoden wie Rekonstruktionen: Unter realgetreuen Bedingungen wird die Situation am Original-Tatort zur mutmaßlichen Tatzeit noch einmal dargestellt. Was konnte der Täter sehen und hören? Konnte er das Opfer beobachten? Hat er den Tatort bewusst oder zufällig gewählt? „So kann man mit allen Sinnen wahrnehmen und die Bedingungen vor Ort besser nachvollziehen“, erklärt der Kriminalhauptkommissar. „Es ist immer wieder erschreckend faszinierend, was Menschen mit Menschen machen und welche Motive dabei eine Rolle spielen.“

In seinen 17 Jahren bei der OFA hat Carsten schon grausame Fälle erlebt: Täter, die sich nach dem Mord sexuell an der Leiche vergehen, die das Opfer in zig Einzelteile zerlegen oder sich an dem Blut laben – und das alles in Niedersachsen. Wie kann man da als zweifacher Familienvater noch ruhig schlafen? „Ich habe versucht das nicht auf meine Töchter zu übertragen. Da war meine Frau ängstlicher“, schmunzelt er. Sein Lieblingsbeispiel: Als seine 16-jährige Tochter damals in die Disco fuhr, sagte seine Frau, sie solle an der Straße zurückfahren. Dort wo es beleuchtet ist. „Nein, lieber durch den Wald“, sagte der Fallanalytiker. „Dort wartet kein Täter nachts um 2 Uhr stundenlang, dass zufällig ein Opfer vorbeikommt. Dass wir sie am Ende dann trotzdem mit dem Auto abgeholt haben, steht auf einem anderen Blatt.“

So eine Gelassenheit gelingt in dem Job aber nur mit dem perfekten Ausgleich. Einerseits seine Frau als Gesprächspartnerin, andererseits sein Hobby: „Ich bin hin und wieder als Hochzeitsfotograf unterwegs“, sagt Carsten. „Das ist meine heile Welt am Wochenende und bringt mich auf andere Gedanken.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Folgt uns auf Instagram!