Er ist nicht unbedingt als Hannovers Kultur-Hotspot bekannt: Am Raschplatz trifft sich auf der unteren Ebene für gewöhnlich die Drogenszene der Landeshauptstadt und abends locken Clubs und das Spielkasino. Wer hätte gedacht, dass sich weiter oben Deutschlands bestes Programmkino versteckt? Wir haben mit Theaterleiterin Sybille Mollzahn über die Auszeichnung gesprochen und festgestellt: Kino überlebt in jeder Umgebung.

Es riecht nach Popcorn, die Geräusche und Lichter sind gedämmt, überall hängen bunte Plakate und über dem Eingang zum Kinosaal leuchtet ein bunter Schriftzug. Hier geht’s nach „Hollywood“ – und das mitten in Norddeutschland. Filme entführen uns in eine andere Welt, ohne dass wir aufstehen müssen. Das ist die Magie des Kinos – und die begeistert auch in Zeiten von Netflix und Co. die Menschen. Sybille Mollzahn leitet das Kino am Raschplatz und bestätigt: „Ein Besuch im Kino ist und bleibt etwas Besonderes“, und ergänzt: „Vielleicht gerade weil es heute so viele Streamingdienste gibt.“ Denn man nimmt sich viel bewusster vor, einen Film zu sehen, trifft dabei Bekannte und lacht gemeinsam. Trotzdem muss auch Sybille feststellen: „Die Besucher lassen sich heute schwerer für Inhalte begeistern, die anders sind als die Sehgewohnheiten.“ Doch wie stellt man eigentlich ein abwechslungsreiches Kinoprogramm zusammen? Sybille und ihre drei Mitorganisatoren müssen es wissen, denn sie wurden vom Staatsministerium für Kultur und Medien für das bundesweit beste Jahresprogramm 2017 ausgezeichnet.

„Klassiker, Hollywoodgrößen, Dokumentarfilme – bei uns zählt die Diversität!“, betont Sybille. Aber die Entscheidung, welcher Film ins Programm aufgenommen wird und welcher nicht, ist nicht immer leicht und hängt nicht nur vom Willen des Kinos ab. Auch die Filmverleihe und Regisseure haben ein Wörtchen mitzureden. Sybille ist daher regelmäßig auf Messen und Festivals unterwegs. „Oftmals bekommen wir dort nur Ausschnitte zu sehen.“ Doch mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür. Was letztlich zählt ist die Stimmung, die Atmosphäre, die ein Film vermittelt: „Die Filmsequenzen müssen einen packen und zu unserem Publikum passen.“ Hinter einem Kinoabend steckt also jede Menge Planungsarbeit. Deswegen freut sich ihr Team besonders, wenn es sieht, dass die Zuschauer einen schönen Abend hatten und Kino zum Erlebnis wurde. Immer montags kann man beispielsweise den gesehenen französischen, italienischen oder spanischen Film bei einem passenden Glas Wein im Foyer ausklingen lassen. Für Kinder gibt es spezielle Reihen und ein Kinoheft, in dem man seine Erlebnisse festhalten kann.

„Ich persönlich habe mich im Kino immer zuhause gefühlt“, berichtet Sybille. Als Jugendliche jobbte sie bereits ehrenamtlich in einem kleinen Kino in Lehrte. Es folgten eine Lehre zur Fotografin und ein Studium der Kulturpädagogik, nebenbei half sie im Kino am Raschplatz aus. Dorthin verschlägt es sie schließlich gänzlich, nachdem sie in der Filmförderung tätig war. Dem Film und Hannover wird sie wohl immer treu bleiben: „Ich habe noch nie darüber nachgedacht wegzuziehen.“ Warum auch? Schließlich gibt es zwischen all der Raschplatz-Romantik eine kleine Kulturinsel, die jeden Tag Türen in andere Welten öffnet – und das auch noch in ausgezeichneter Weise.

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