Was tun nach dem Abi? Für Tim Holler stand die Antwort schon schnell fest: Medizin studieren. Doch wie viele andere muss er aufgrund seines Notendurchschnitts viele Wartesemester überbrücken – 14 hat er mittlerweile hinter sich. Abstrus, wenn man bedenkt, dass er bereits in der Forschung an der Medizinischen Hochschule Hannover angestellt ist und sogar schon in der Lehre assistieren durfte. Wie Tim aus der Wissenschaft eine Kunst macht und warum Nagellack in seinem Job eine wichtige Rolle einnimmt, erfahrt ihr hier.

Ich treffe Tim an einem heißen Sommertag. „An einem Tag wie heute erinnere ich mich immer an den ersten Tag meines Freiwilligen Wissenschaftlichen Jahres. Es war genauso drückend wie heute und ich kam in kurzer Hose zur Arbeit. Allerdings wusste ich nicht, dass ich für meine erste Aufgabe direkt Gewebeproben in einem 4 Grad kalten Kühlraum präparieren sollte“, erzählt Tim lachend. „Zum Glück hatte einer meiner Kollegen eine lange Regenhose in seinem Spint, die er mir leihen konnte.“ Mit dem FWJ in der Molekular- und Zellphysiologie wollte Tim eigentlich nur etwas Wartezeit überbrücken und medizinische Erfahrungen sammeln. Denn aufgrund seines Abi-Schnitts von 2,2 war ihm klar, es würde etwas dauern, bis er seinen Traum vom Medizinstudium verwirklichen können wird. Seine Aufgaben im Labor gefielen ihm so gut, dass er sich entschloss, eine dreijährige schulische Ausbildung zum Medizinisch-Technischen-Laboratoriumsassistenten (MTLA) zu absolvieren. 2016 wird er Jahrgangsbester. Doch noch immer gab es keinen Studienplatz in Hannover für ihn.

Mittlerweile ist Tim im MHH-Institut für Molekular- und Zellphysiologie angestellt. Unter anderem ist er dafür zuständig, Immunfluoreszenzfärbungen durchzuführen. „Die Zellen werden mit Antikörpern behandelt, sodass die einzelnen Strukturen unterm Mikroskop leuchten. So entstehen ganz nebenbei wunderschöne Muster, die ich unbedingt in einem künstlerischen Bild zusammenstellen wollte.“ Er tüftelt solange herum, bis er es schafft, „Der Schrei“ von Edvard Munch ziemlich originalgetreu abzubilden. Mit seinem Kunstwerk aus Stamm- und Herzmuskelzellen nimmt er am „Art of Science Image Contest“ auf einem internationalen Kongress in Maryland teil und belegt den 2. Platz! „Doch mein Kunstwerk wäre vielleicht ohne Nagellack so nicht zustande gekommen.“ lacht er. „Wir streichen ihn um die kleinen Deckgläser, auf denen sich unsere Zellen befinden, damit keine Luftbläschen eingeschlossen werden, die die Auswertung stören würden. Es gibt bislang keine simplere und bessere Alternative.“ So findet Nagellack sogar Anwendung in der Wissenschaft.

Dass der 25-jährige mittlerweile sogar Studierende der MHH lehren durfte, macht ihn zwar stolz, aber zugleich auch traurig. 14 Wartesemester, die derzeit noch maximale Anzahl, hat er nun hinter sich. Er hat die Zeit mehr als sinnvoll genutzt, seine Leidenschaft zur Medizin nur noch verstärkt – und trotzdem bleibt ihm der Platz bisher verwehrt. Ein Fehler im System. „Es ist in meinen Augen mehr als ungerecht, dass die Abiturnote, die sich teils aus Medizin-irrelevanten Fächern zusammensetzt, auch nach 7 Jahren noch so einen großen Stellenwert einnimmt. Als hätte man die ganzen Jahre nur rumgesessen.“ Deutschland dürfe sich eine Scheibe von Österreich abschneiden, erzählt er mit einem Augenzwinkern. Dort verteile man die Zulassungen über einen zentralen gut durchdachten Medizinertest, der auch soziale Kompetenzen berücksichtigt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Änderungen im Auswahlverfahren, die 2020 kommen sollen. Bis dahin wird er versuchen, seiner Kreativität und Leidenschaft weiterhin freien Lauf zu lassen. Immer im Gepäck: Der Nagellack für wissenschaftliche Zwecke und die Hoffnung, dass sich sein großer Traum bald endlich erfüllt.

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